Die Sucht nach Aufmerksamkeit
- Steviah
- 17. Mai
- 5 Min. Lesezeit
In dem vergangenen Jahr habe ich keine Worte dafür gefunden, was ich durchmache und was ich fühle. Ich war auch zu sehr damit beschäftigt, unterbewusst mein Theaterstück zu perfektionieren, um mein wahres Ich bzw. die innere Leere, Schmerz und Zerrissenheit zu verstecken und vor allem aber auch, um weitere Aufmerksamkeit bzw. Liebe zu lukrieren. Ich kann wahrscheinlich immer noch nicht die ganze Situation objektiv betrachten und sie distanziert analysieren und weiß in Wirklichkeit noch nicht, wo ich anfangen soll. Aber vielleicht geht es in diesem Beitrag auch einfach darum, die Verletzbarkeit und Gefühlschaos zu zeigen. Vielleicht geht es genau darum, zu erkennen, dass es okay ist, nicht bei allen Entscheidungen stolz auf sich selbst zu sein. Es ist okay, nicht perfekt zu sein. Es ist okay, ich zu sein. Es ist auch okay, derzeit nicht zu wissen, wer ich bin. Doch das, was ich weiß, will ich nicht mehr verstecken. Ich will kein Theater mehr spielen und auch keine Maske mehr tragen. Und daher möchte ich mein Ich zeigen.
Alle Wege führen nach Rom
Alles begann mit einem Seminar, in dem man die eigenen Emotionen und Themen auseinandergenommen hat. Ich erinnere mich ganz besonders an einen Tag. Ganz verzweifelt saß ich in dem Seminarraum, konfrontiert mit der nächsten Wunde und fragte die Dozentin: "Wie kann ein Mensch so viele Themen haben? Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll und wo aufhören. Je mehr ich an mir arbeite, desto mehr Themen machen sich sichtbar. Ich bin müde davon. Hört es denn irgendwann auf? Kann ich denn all das in Heilung bringen?" Sie sagte mir den für mich heute wichtigsten Satz - "Alle Wege führen nach Rom." Ich habe dem Satz nicht viel Bedeutung geschenkt und dieser klang an jenem Tag für mich so unrealistisch, so weit entfernt, einfach unerreichbar. Dennoch blieb er ganz tief in Erinnerung. Und jetzt, ein paar Jahre später, weiß ich genau wovon die Rede war. Heute kann ich den roten Faden bei all den Herausforderungen in meinem Leben sehen. Denn ich habe mein Rom in den letzten Monaten gefunden - Die tiefe Überzeugung: "Ich bin nicht wichtig" und die daraus entwickelte Sucht nach dem Beweis, jemandem wichtig zu sein. Die Sucht danach, im Mittelpunkt zu stehen, um gesehen zu werden. Endlich akzeptiert zu werden. Die Sucht nach Aufmerksamkeit.
Die Definition von Sucht
Das Wort "Sucht" wird oft leichtfertig benutzt und dadurch die medizinische Bedeutung oft verharmlost. Denn es handelt sich dabei um eine Erkrankung, die eine Abhängigkeit von Substanzen, aber auch Verhaltensweisen äußert.
Für mich ist es kein Wunsch, Aufmerksamkeit zu erhalten. Es ist ein Zwang. Denn wenn ich das notwendige Gefühl nicht erhalte, kommt es zum Kontrollverlust jeglicher Emotionen wie unkontrollierte Wutausbrüche, Entzugserscheinungen, der Lebensmittelpunkt verschiebt sich auf das Überleben und somit darauf, welche Strategien bekannt sind und bereits Erfolge erbracht haben. Dadurch kommt es zur Vernachlässigung anderer Aspekte im Leben. Denn man befindet sich bei nicht erfülltem Suchtverlangen in einem Überlebensmodus. Im Überlebensmodus verringert sich unser Blickfeld und wir können uns nur darauf fokussieren. Alles andere nehmen wir nicht so wirklich wahr.
Mein Sucht-Tsunami hat mir bereits sehr vieles weggenommen. Dieser unkontrollierte Sturm, hat mir mehrmals alles erreichte zerstört. Er hat mir viele Beziehungen, meine Sicherheit, Beruf und Träume – ja, sogar das eigene Leben fast weggenommen.
Der Blick in den Spiegel
Und nachdem ich das für mich wichtigste verlor, saß ich bei meiner Therapeutin. Ich saß dort mit einer Liste an Strategien und ungesunden Verhaltensweisen, die ich an den Tag legte, nur um meine Sucht zu befriedigen. Ich las die Liste zum Überleben vor. Lächelnd aus Selbstschutz.
Sie schaute mich mit einem traurigen Blick an und sagte mir zum Schluss: Es tut mir Leid, dass Ihnen die Eltern das angetan haben. Diese Liste ist noch ein Beweis, dass die Kleine sehr schlimm vernachlässigt wurde, dass ihre Gefühle und Probleme nie wichtig waren, dass sich nie jemand um sie gekümmert hat.
Sie sagte mir auch, dass sich diese Liste die wenigsten trauen würden und wenn, dann direkt von Suizidalität geprägt werden würden und in die Klinik landen würden. Sie versicherte sich, ob es mir gut geht. Doch ich wurde 10 Jahre darauf vorbereitet.
Ehrlich gesagt - nichts hat mir je so weh getan, wie die eigene Seele in den Spiegel zu betrachten und wirklich alles zu sehen. Nichts hat mir je mehr weh getan, als es mir selbst zu gestehen, was ich mir alles angetan habe, wie oft ich mich damit verletzt habe und wie viele andere Menschen ich damit verletzt habe. Das Gefühl der Machtlosigkeit, wenn man das Verhaltensmuster als Solches in der Situation erkennt und weiß, dass dieses negative Folgen hat und es trotzdem fortführt, ist unbeschreiblich stark. Der Wille, das Verhalten zu verändern ist stark. Doch der Tsunami der Sucht ist stärker.
Aus dem Überlebensmodus aussteigen
Alles wird gut, atme tief durch und beruhige dich endlich - Das war der Rat eines Bekannten, der die Beschützerrolle übernommen hat und versucht hat, weitere Schäden durch den Tsunami zu verhindern.
Vielleicht brauchst du keine Strategie. Vielleicht musst du es einfach fühlen - Das sagte mir eine gute Freundin, die mal Ähnliches durchgemacht hat.
Zeigen Sie der Kleinen, dass sie wichtig ist. Kümmern Sie sich um die Kleine - Sagte meine Therapeutin, die versucht hat, meine Autonomie zu verstärken.
Um die Sucht zu besiegen, muss man einen kalten Entzug machen. Es führt daran kein Weg vorbei - Das sagte mir ein Bekannter, der selbst ein Suchtproblem besiegen konnte.
Doch wie beruhige ich das Nervensystem nach mehreren Abweisungen, nach Kritik, nach dem Beweis, dass ich für mein Umfeld nicht wichtig bin? Wie reguliere ich mein Überlebensmodus, wenn ich mich nicht sicher fühle? Wie soll ich mich sicher fühlen, wenn ich mich am Kampffeld befinde? Und wie kann ich dann einfach stehen bleiben und den Tsunami dabei fühlen? Wie schaffe ich es, nicht wegzulaufen? Denn verbiete ich mir eine Strategie, schleicht sich die nächste unbemerkt an – ich habe ein breites Repertoire, mich abzulenken, mein Herz zu verschließen und den Schmerz nicht zu fühlen. Wie sollte ich mich um mich kümmern, wenn ich nie gelernt habe, wie man sich um jemanden kümmert? Ich weiß es nicht, was die Kleine braucht und auch nicht, wie ich ihr das geben soll.
Es ist okay, nicht immer eine Antwort zu haben. Wenn die Zeit gekommen ist und ich bereit bin, werde ich die Antworten finden. Es ist okay, nicht immer stark zu sein. Wenn ich bereit bin, werde ich es fühlen. Es ist okay, sich für sich selbst zu entscheiden - auch wenn das gleichzeitig bedeutet, dass man alles andere verlieren kann. Es ist okay, nicht immer verstanden zu werden. Ich bin anders - und das ist okay. Denn ich bin ich. Und vielleicht ist das "anders" viel besser.
Ich möchte damit zeigen, dass jeder von uns schon mindestens ein Mal in dieser Situation war, in der alles auseinander fällt und man keinen Ausweg sieht - aber nur weil Du keinen Ausweg siehst, heißt es nicht, dass es keinen gibt! Ja, Du darfst auch schwach sein, Du darfst Hilfe holen, Du darfst lernen. DU darfst SEIN.
Ich hoffe mein Beitrag hat Dir gefallen und ich würde mich freuen, wenn Du mit mir Deine Gedanken dazu teilen möchtest.
Kommentare